Was bedeutet Pflegegrad 1 – und was passiert, wenn er wegfällt?

Was bedeutet Pflegegrad 1 – und was passiert, wenn er wegfällt?

Stand: August 2026 · Lesezeit: 5 Minuten
Von Oliver Straub, Assistenztreff

Auf einen Blick

Pflegegrad 1 ist die niedrigste Pflegestufe – für Menschen mit geringen Einschränkungen der Selbstständigkeit.

Betroffen: rund 782.000 Menschen in Deutschland, etwa 14 % aller Pflegebedürftigen.

Die aktuelle Bundesregierung zieht in Erwägung, Pflegegrad 1 zu streichen – das ist ein Vorschlag, kein beschlossenes Gesetz.

Bei Wegfall: keine Geldleistungen mehr, Mehrkosten von mehreren Hundert bis über 1.000 € im Jahr.

Zur Einordnung: Dieser Beitrag beschreibt eine politische Diskussion, keine beschlossene Änderung. Solange keine Gesetzesänderung verabschiedet ist, gelten die bestehenden Leistungen unverändert weiter.

Vor dem Hintergrund, dass die derzeitige Bundesregierung Überlegungen anstellt, möglicherweise den Pflegegrad 1 zu streichen, bekommst du hier einen kurzen Überblick: welche Leistungen damit einhergehen und was eine mögliche Streichung für dich als Betroffene:n bedeuten würde.

Der Pflegegrad 1 ist die niedrigste Stufe innerhalb des deutschen Pflegeversicherungssystems. Er richtet sich an Menschen mit geringen Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit, die noch kein umfassenderes Maß an Pflege benötigen. Trotzdem spielt er eine wichtige Rolle: Er bietet frühzeitige Unterstützung und hilft, deine Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten.

Was ist Pflegegrad 1?

Pflegegrad 1 wird nach einer Begutachtung durch den Medizinischen Dienst (MD) oder durch Medicproof (bei Privatversicherten) vergeben. Dabei wird dein Grad der Selbstständigkeit anhand eines Punktesystems ermittelt – des sogenannten Neuen Begutachtungsassessments (NBA).

Erreichst du zwischen 12,5 und unter 27 Punkten, giltst du als „in geringem Maße in deiner Selbstständigkeit beeinträchtigt“ und erhältst Pflegegrad 1. Typische Situationen dafür:

Erste körperliche Einschränkungenz. B. Schwierigkeiten beim Anziehen oder Treppensteigen
Leichte kognitive Beeinträchtigungenz. B. Vergesslichkeit
Erhöhter Unterstützungsbedarfbei alltäglichen Aufgaben, ohne dauerhafte Pflege

Laut Statistischem Bundesamt waren Ende 2023 rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Davon entfielen etwa 782.000 Personen auf Pflegegrad 1 – rund 14 % aller Pflegebedürftigen.

Welche Leistungen stehen dir zu?

Anders als bei höheren Pflegegraden gibt es bei Pflegegrad 1 keine Geldleistungen für häusliche oder stationäre Pflege. Trotzdem gewährt dir die Pflegeversicherung wertvolle Unterstützung:

125 €/MonatEntlastungsbetrag für Hilfe im Haushalt, Alltagsbegleitung oder Betreuungsangebote
40 €/MonatPflegehilfsmittel zum Verbrauch, etwa Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel, Inkontinenzprodukte
4.000 €/einmaligZuschuss für Wohnraumanpassung, z. B. Haltegriffe oder barrierefreie Dusche
25,50 €/MonatZuschuss zum Hausnotrufsystem
KostenlosPflegeberatung und Pflegekurse

Diese Hilfen sollen es dir ermöglichen, länger selbstbestimmt in deiner eigenen Wohnung zu leben.

Was würde bei einem Wegfall passieren?

Die Diskussion um mögliche Kürzungen betrifft eine große Gruppe – insbesondere ältere, alleinlebende oder einkommensschwache Menschen. Ein Wegfall hätte weitreichende Folgen:

1. Verlust finanzieller UnterstützungEntlastungsbetrag, Pflegehilfsmittel und Hausnotruf müsstest du privat bezahlen – potenziell mehrere Hundert bis über 1.000 € im Jahr.
2. Geringere SelbstständigkeitOhne frühe Unterstützung steigt das Risiko von Vereinsamung, Angehörige wären stärker gefordert.
3. Höhere Kosten im SystemOhne frühzeitige Unterstützung rutschen mehr Menschen schneller in höhere, teurere Pflegegrade.
4. Gesellschaftliche FolgenRund 780.000 Menschen und ihre Familien wären betroffen – Kommunen und soziale Träger müssten Lücken ohne zusätzliche Mittel schließen.

Was kurzfristig wie eine Einsparung wirkt, kann sich langfristig als teuer erweisen: Ohne frühzeitige Unterstützung entwickeln viele Menschen schneller schwerere Beeinträchtigungen – und rutschen damit in höhere Pflegegrade, die deutlich kostenintensiver sind.

Der Wegfall von Pflegegrad 1 wäre also keine nachhaltige Entlastung, sondern könnte die Gesamtkosten im Pflegesystem langfristig erhöhen.

Warum Pflegegrad 1 wichtig bleibt

Pflegegrad 1 ist mehr als nur eine kleine Stufe in der Pflegeversicherung. Er ist ein präventives Instrument, das dazu beiträgt, Pflegebedürftigkeit zu verzögern, Angehörige zu entlasten und Selbstständigkeit zu erhalten.

Er signalisiert außerdem: Pflege beginnt nicht erst, wenn du vollständig auf Hilfe angewiesen bist. Sie beginnt dort, wo erste Einschränkungen deinen Alltag erschweren – und wo rechtzeitige Unterstützung entscheidend sein kann.

Pflegegrad 1 ist eine Investition in Selbstständigkeit, Prävention und Würde im Alter – kein verzichtbarer Nebenposten.

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